Spiel mal wieder!

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Noch Kindergarten oder schon Schule, Karatekurs und Flötenunterricht, Musikgruppe und Mathenachhilfe – viele Kinder bewältigen täglich ein strammes Programm. Wo liegt die Grenze zwischen Spaß und Pflicht, zwischen fördern und überfordern?

Till hat einen neuen Lieblingswitz, über den er sich vor Lachen nur so ausschütten könnte: „Fritzchen hat einen Hund geschenkt bekommen. Die Nachbarin fragt ihn: „Ziehst du den jetzt groß?“ Fritzchen antwortet: „Nein, ich lasse ihn wachsen.“ Mit Blick auf die aktuelle Situation vieler Kinder verliert dieser Scherz jedoch seine charmante Leichtigkeit. Denn von „lassen“ ist immer weniger spürbar: Schon junge Sprösslinge haben ein strammes Tagespensum. Der neunjährige Till beispielsweise geht nach einem langen Schultag montags zum Turnen, mittwochs in die Musikschule, donnerstags spielt er Fußball. An freien Nachmittagen oder abends lernt er oft noch einmal für die Schule – schließlich soll der Viertklässler den Sprung auf das Gymnasium schaffen. Ist noch Freiraum für Unternehmungen mit Freunden, wird Till häufig handverlesen von den Eltern verabredet. Und am Wochenende? Museumstour und Schwimmkurs, Besuche oder Ausflüge und vielleicht doch noch einmal die Matheaufgaben durchgehen – auch hier bleibt wenig unverplante Zeit.

Till ist kein Einzelfall. Bildungsexperten, Pädagogen, Therapeuten und auch Kinderärzte beobachten bei Eltern seit einiger Zeit vermehrt ein großes Förderbestreben bis hin zu einer regelrechten Förderwut – resultierend aus Unsicherheit und Angst, dem Sprössling etwas vorzuenthalten oder wichtige Entwicklungsphasen nicht ausreichend zu unterstützen. Warum es Eltern so wichtig ist, ihren Kindern möglichst viel zu bieten und ihre Aktivitäten zu steuern, liegt auf der Hand: Zum einen propagiert eine Flut Elternratgebern und anderen Medien nach dem Motto „Was Hänschen nicht lernt“ die frühkindliche Bildung. Gleichzeitig sitzt der Pisaschock weiterhin tief und Eltern möchten zunehmend selbst etwas dafür tun, dass ihr Kind die besten Chancen für eine erfolgreiche Zukunft hat. ...

... Die gute Nachricht in Zeiten von Förderwut und Förderstress lautet demnach: Förderung beginnt deutlich früher, als es vielen Eltern bewusst ist. Ein liebevolles Zuhause und verlässliche Beziehungen, leistungsunabhängige Anerkennung und offene Rahmenbedingungen, in denen Kinder sich ausprobieren können, bilden eine wichtige Basis, auf der die Sprösslinge ihre Stärken entfalten können. Zusätzliche geleitete Unternehmungen wie Kurse oder Freizeitprogramme können je nach Interessenslage beim Kind diese Grundlage ergänzen. „Allerdings sollte in jedem Kinderalltag ausreichend unverplante Zeit bleiben“, betont Dörthe Peters. „Wenn Kinder spielen, tun sie genau das Richtige für ihre gesunde Entwicklung und können auch besser lernen.“

Übrigens: Mündet freie, unverplante Zeit einmal in Langeweile, hat auch das etwas für sich: „Langeweile ist nichts Negatives, sondern eine Phase der Orientierung und des in sich Hineinhorchens, um einen Draht zu sich selbst zu finden“, weiß Expertin Peters. „Gleichzeitig sind Herumlümmeln und Nichtstun wichtige Auszeiten, in denen Kinder genauso wie Erwachsene wieder auftanken. Sie sollten im Alltag auf keinen Fall fehlen.“


erschienen in vigo Familie Winter 2009